Das Ende der Notebooks?

8 Gründe, warum das neue iPad Pro Notebooks überflüssig machen könnte

Apple konnte im vergangenen Quartal Umsatz und Gewinn deutlich steigern. Das war einerseits natürlich dem iPhone 7 geschuldet, das nach wie vor das wichtigste Produkt der kalifornischen Hightech-Schmiede ist. Deutlich überraschender war allerdings der Absatzsprung beim iPad-Tablet, das Jahre lang schwächelte und mit den ersten Pro-Modellen Ende 2015 wieder deutlich an Fahrt aufnahm. "Warum sollte man sich noch einen PC kaufen?", fragte Tim Cook damals in einem Interview, wenn es doch das iPad Pro geben. "Sie werden es benutzen und feststellen, dass sie nichts anderes mehr benötigen werden." Wahr wurde Cooks vollmundiges Marketing-Versprechen nicht. Noch nicht, möchte man sagen. Denn Anfang Juli veröffentlichte Apple ein neues iPad Pro - mit einem leicht vergrößerten 10,5 Display und einer leistungsstarken Hardware, die es für künftige Aufgaben wappnet. Was es jetzt schon kann und warum es seine volle Stärke erst in ein paar Monaten entfaltet, erfahren Sie hier.

E-Mails, Fluten von Emails. Texte wie dieser. Präsentationen. Pressetermine. Bildbearbeitung. Aber auch das: Flüge, Zugfahrten, Wohnzimmer, Küche, Strand. Vier Wochen lang war das neue iPad Pro 10.5 ein Begleiter in vielen Lebenslagen. Es wurde damit vor allem gearbeitet, aber auch gespielt, gesurft, gelesen, Netflix rauf und runter gesehen, ein Fotobuch erstellt, ein Hochzeitsvideo geschnitten, das Licht gedimmt und - indirekt zumindest - ein Brokkoli-Paprika-Apfel-Salat zubereitet...

Der Leidtragende in all der Zeit: der Laptop, der weitestgehend ignoriert und irgendwann mit leerem Akku zum Staubfänger wurde. Vorweg: Selten hat sich ein Stück Technik so clever in unseren Alltag geschlichen und sich nahezu unverzichtbar gemacht wie das neue iPad Pro.


Die Frage, die seitdem im Raum steht: Braucht es überhaupt noch ein Notebook? Oder ist das Apple-Tablet samt Tastatur und Stift das ideale Arbeitsmittel für den mobilen und flexiblen Arbeitsalltag, wie es Tim Cook vor rund eineinhalb Jahren andeutete? Welche Gründe aktuell dafür und dagegen sprechen - und warum die Einführung des neuen Betriebssystems iOS 11 im September die Entscheidung "Tablet oder Laptop?" noch einmal deutlich schwieriger machen wird, erfahren Sie hier.


Die Leistung: Rechenkraft hat das neue iPad Pro 10.5 zur Genüge. Der neue A10X-Prozessor bietet laut Apple 30 Prozent mehr Prozessorleistung und 40 Prozent mehr Grafikleistung als das Vorgängermodell - Angaben, die schlecht einzuordnen sind. Unterzieht man das Tablet einem Test, etwa mit der Software Geekbench 4, landet es mitunter auf dem Niveau eines MacBook Pros. Egal, ob grafisch aufwendiges Spiel, Bildbearbeitung oder der extrem rechenintensive Schnitt von hochauflösenden 4K-Videos: Wir haben keine App im Store gefunden, die das iPad Pro auch nur ansatzweise in Verlegenheit oder gar an seine Grenzen bringen konnte. Die Leistungsreserven geben Käufer ein gutes, nachhaltiges Gefühl.


Der Bildschirm: Vornehmlich dank schmaler Seitenränder ist die Größe des Displays gegenüber dem Vorgängermodell um 0,8 Zoll angewachsen - und damit auch die Zahl der Pixel. 2224 mal 1668 Bildpunkte stellt das Retina Display nun da, was sich jedoch nur marginal bemerkbar macht. Wichtiger ist da eher die gesteigerte Bildwiederholungsfrequenz. Bis zu 120 Hertz sind nun drin. Davon profitieren in erster Linie schnelle Action- und Rennspiele. Aber auch beim normalen Scrollen auf Webseiten wird der Unterschied klar: Alles flutscht, nix ruckelt. Und dank cleverem Energiemanagement passt der Bildschirm seine Frequenz den Anforderungen an. Filme werden mit nativen 24 oder 25 Bildern pro Sekunde angezeigt, bei E-Books schaltet das Gerät einen Gang zurück. ProMotion nennt Apple diese Technik. Professionelle Foto- und Videoanwender freuen sich wiederum über den erweiterten P3-Farbraum, Otto-Normal-Nutzer über die Antireflex-Beschichtung, die auch eine Nutzung am Strand möglich macht.


Die Ausdauer: Apple gibt als Laufzeit des 30,4-Wattstunden-Akkus bei normalen Anwendungen wie Surfen im Web via WLAN oder Video- oder Musikwiedergabe "bis zu 10 Stunden" an. Rechenintensive Action-Games und Anwendungen saugen die Batterie jedoch schneller leer. Für eine sechsstündige Zugfahrt von München nach Hamburg, einen Langstreckenflug nach New York oder einen normalen Arbeitstag reicht der Saft aber allemal - ehe das iPad Pro zum Nachtanken gut 3 Stunden ans mitgelieferte Ladegerät muss.


Das Gewicht: 477 Gramm bringt das Topmodell mit LTE-Technik und 512 Gigabyte Speicher auf die Waage - und damit nur halb so viel wie das Fliegengewicht im Apple-Computer-Sortiment: das MacBook. Schließt man das separat erhältliche Smart Keyboard noch an das gerade mal 6 Millimeter dünne iPad an, kommt man auf insgesamt rund 730 Gramm. Ideal für unterwegs. Apropos ...


Die Tastatur: Rund 180 Euro kostet das Smart Keyboard für das iPad Pro 10.5 und ist damit wahrlich kein Schnäppchen. Die QWERTZ-Tastatur in Normalgröße ist jedoch elementar für das mobile Arbeiten - und tatsächlich absolut tauglich, selbst für Vielschreiber. Die Anschlagpunkte der Tasten sind präzise. Das Tippen geht leicht und zuverlässig von der Hand, bekannte Kombination für Copy&Paste-Vorgänge erleichtern vieles. Darüber hinaus ist das Keyboard zugleich Display-Halterung und im zugeklappten Zustand Bildschirmcover. Einziger Nachteil: Unebene Stellflächen wie etwa der eigene Schoß erweisen sich als schwierig. Um bei besagter ICE-Zugfahrt von München nach Hamburg ohne Nackenstarre arbeiten zu können, war ein Platz mit Tisch mehr als hilfreich.


Die Kameras: Hier hat sich Apple nicht lumpen lassen und kurzerhand die Technik aus dem iPhone 7 übernommen. Bedeutet: Vorne sitzt eine 7-Megapixel-Kamera für HD-Videotelefonate und schicke Selfies. Hinten liefert die 12-Megapixel-Kamera mit optischem Bildstabilisator und f/1.8 Blende selbst bei widrigen Lichtverhältnissen gute bis sehr gute Ergebnisse - sowohl im Foto- als auch im Videobereich, 63 Megapixel-Panorama-, Slow-Motion-, Zeitraffer- und 4K-Aufnahmen mit 30 Bildern pro Sekunde inklusive. Allein für schnelle Schnappschüsse ist das Tablet schlicht zu klobig.


Der Stift: Zugegeben, der ist kein Muss, zumal er mit 109 Euro zu Buche schlägt. Aber praktisch kann er sein. Beim Korrigieren von Artikeln und Unterlagen etwa. Einfach das Dokument fotografieren, in eine App wie Goodnotes laden - und dann handschriftliche Anmerkungen hinzufügen. Mehr noch kommt der Apple Pencil bei der Fotobearbeitung zum Einsatz - etwa beim präzisen Freistellen von Motiven mithilfe der Profi-App Affinity Photo etwa, die selbst dem Platzhirsch Photoshop mittlerweile Konkurrenz macht.


Die Zukunft: Aktuell ist das hin- und herschieben von Dokumenten, Bildern und Dateien mitunter recht mühsam. Im September soll das alles jedoch anders werden. Besser. Apple wird nicht müde zu erwähnen, dass sich mit der Veröffentlichung des neuen Betriebssystems iOS11 die Anwendungsmöglichkeiten des iPad Pros vervielfachen werden: "Ein großer Schritt für das iPhone. Ein gigantischer für das iPad", heißt es Echtes Multi-Tasking, geteilter Bildschirm, Drag&Drop-Nutzung zwischen Apps und ein echtes Dateiverwaltungssystem (das gab's noch nie bei iOS!) könnten dazu beitragen, dass Tablet-Computer Notebooks den Rang ablaufen. Zumindest im Bereich der mobilen Arbeitsgeräte.


Ein paar Hürden bleiben jedoch. Zuvorderst der Preis: 729 Euro kostet das günstigste Modell mit 64 GB Speicher und WLAN. Daraus können aber auch schnell 1209 Euro werden, sollte man sich für 512 GB Speicher und LTE-Empfang entscheiden. Tastatur und Pencil schlagen ebenfalls teuer zu Buche, womit man letztlich in Preisregionen landet, in denen Hightech-Ultrabooks angesiedelt sind. Bleiben noch das geringe Gewicht und die Akku-Ausdauer, die für das iPad Pro sprechen.


Ärgerlich auch: Cover oder Smart Keyboard vom iPad Pro 9.7 lassen sich aufgrund der nur geringfügig gestiegenen Gehäusemaße nicht mehr verwenden. Ein Umstand, der zu einem weiteren Kuriosum führt: War das Erstellen und Bearbeiten von Dokumenten mit Microsofts Office auf dem bislang angebotenen iPad Pro 9.7 kostenlos möglich, muss auf dem Modell 10.5 nun für die Apps bezahlt werden. Der Grund: die Überschreitung der von Microsoft einst für die Gratis-Nutzung festgelegte Display-Größe von 10.1 Zoll.


Gerd Hilber
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